younion-Frauen: Wer Kinderbetreuung nicht als Arbeit anerkennt, verkennt die Realität von Millionen Frauen

Wien (OTS) – Die Aussagen von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP)
im Rahmen
seiner Österreich-Tour sorgen für Kritik. Insbesondere seine
Feststellung, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, offenbart ein
Familien- und Gesellschaftsbild, das die Lebensrealität vieler Frauen
ausblendet, kritisiert die Frauenabteilung der younion _ Die
Daseinsgewerkschaft.

„Der Bundeskanzler hat sich gestern klar geoutet, dass
Carearbeit, die zum überwiegenden Teil von Frauen geleistet wird, für
ihn keine „Arbeit“ ist“, so Sabine Slimar-Weißmann, gf.
Bundesfrauenvorsitzende der younion. „Diese Aussagen machen wütend.
Sie zeigen, warum die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung
von Sorgearbeit bis heute nicht anerkannt wird, und entwerten die
Leistungen von Millionen Frauen. Das Aufbrechen stereotyper
Rollenbilder, wirtschaftliche Unabhängigkeit und der Schutz vor
Altersarmut scheinen für den Bundeskanzler keine Priorität zu haben,
wenn er Carearbeit nicht einmal als Arbeit anerkennt.“

Kinderbetreuung ist Arbeit

„Wer Kinderbetreuung nicht als Arbeit anerkennt, blendet die
Lebensrealität von Millionen Frauen aus“, so Slimar-Weißmann.
Carearbeit hält die Gesellschaft am Laufen. Sie sorgt dafür, dass
Kinder aufwachsen, Angehörige versorgt werden und das soziale Leben
funktioniert. Diese Arbeit verdient Anerkennung, politische Maßnahmen
und Rahmenbedingungen zu echter Wahlfreiheit.

Auch die Aussage des Bundeskanzlers, Familie dürfe nicht als
„Business Case“ betrachtet werden, greift zu kurz. Niemand verlange,
Familie wie ein Unternehmen zu behandeln. Tatsache ist jedoch, dass
unbezahlte Sorgearbeit überwiegend von Frauen geleistet wird und
erhebliche wirtschaftliche Folgen hat. Frauen verdienen dadurch
weniger, erwerben geringere Pensionsansprüche und tragen ein höheres
Armutsrisiko.

Liebe zahlt keine Rechnungen

Die Aussagen des Bundeskanzlers treffen auf eine Zeit, in der
Familien ohnehin unter großem finanziellem und organisatorischem
Druck stehen. Umso problematischer ist es, wenn Familienministerin
Claudia Bauer (ÖVP) zuletzt ebenfalls dazu aufruft, Familienplanung
weniger „verkopft“ anzugehen und stärker auf das Bauchgefühl zu
vertrauen. „Viele Menschen wünschen sich Kinder. Ob sie sich diesen
Wunsch erfüllen können, hängt aber nicht vom „G’spür“ ab, sondern von
leistbarem Wohnen, Kinderbetreuung und existenzsichernden Einkommen“,
betont Slimar-Weißmann. „Wer Familienpolitik ernst nimmt, muss die
Lebensrealität anerkennen, statt sie zu romantisieren.“

Kritisch sieht die Frauenabteilung auch Stockers Aussage zu
Alleinerziehenden. „Wer staatliche Unterstützung mit einer Bezahlung
gleichsetzt, verkennt die notwendige Absicherung vieler Frauen“, so
Slimar-Weißmann.

Carearbeit ist systemrelevant

Für die Frauenabteilung der younion steht fest: Eine moderne
Familienpolitik muss die gesellschaftliche und wirtschaftliche
Bedeutung von Sorgearbeit endlich anerkennen. Wer Familien stärken
und Gleichstellung voranbringen will, muss die Leistungen von Eltern,
pflegenden Angehörigen und insbesondere von Frauen sichtbar machen,
anstatt sie zu diffamieren. Österreich ist Vize-Europameister im
Gender Pension Gap, Frauen erhalten rund 40 % weniger Pension als
Männer. Das ist kein selbst verursachtes Problem von Frauen, sondern
das Ergebnis struktureller Ungleichheit und, wie man gestern deutlich
hören konnte, ein politisches.