Wien (OTS) – Beim aktuellen Business Breakfast des forum. ernährung
heute (f.eh)
diskutierten Ao. Univ.-Prof. Dr. Cem Ekmekcioglu (Medizinische
Universität Wien), Mag. Hanni Rützler (futurefoodstudio Wien) und DI
Georg Sladek (Agro Innovation Lab, RWA) den Stellenwert von Protein
für Gesundheit und Ernährungssystem. Ihr Fazit: Die Evidenz widerlegt
den Hype um immer höhere Eiweißmengen. Entscheidend sind
bedarfsgerechte Ernährung, qualitativ hochwertige Proteinquellen,
eine gleichmäßige Verteilung über den Tag sowie regelmäßige Bewegung.
Der Protein-Hype birgt aber eine Chance, wenn ein Wandel weg vom
steigenden Konsum tierischer Proteine hin zu pflanzlichen gelingt und
damit eine Adaption des Ernährungssystems. Schlüssel dafür liegen in
der Vermittlung von wissenschaftlich fundierten Informationen,
umfassender Ernährungs- und Verbraucherbildung und innovativen
Angeboten, so f.eh-Geschäftsführerin Dr. Marlies Gruber.
Proteine werden aus 20 Aminosäuren gebildet, von denen neun
unentbehrlich sind und täglich für die körpereigene Proteinsynthese
über die Nahrung aufgenommen werden müssen. Sie bilden die Grundlage
für Enzyme, Hormone sowie Muskulatur und Immunsystem, die von einer
Protein-Energie-Mangelernährung besonders beeinträchtigt werden.
Daher wirken aktuelle Meldungen beängstigend, wonach die Bevölkerung
generell unzureichend mit Eiweiß versorgt sei.
Bedarf gedeckt, Hype überzogen
Die Evidenz zeichnet ein anderes Bild. Denn die Empfehlung für
Erwachsene von 0,8 g/kg Körpergewicht (KG) enthält bereits einen
Sicherheitszuschlag. Für Ältere liegt der Schätzwert für die
ausreichende Aufnahme bei 1,0 g/kg KG, bei aktiven Menschen mit mehr
als 5 Stunden Sport pro Woche bei 1,2 bis 2,0 g/kg KG. „Tatsächlich
liefert eine abwechslungsreiche Mischkost mit Fleisch, Fisch, Eiern
und Milchprodukten in der Regel ausreichend Eiweiß. Die Proteinzufuhr
in Österreich liegt im Durchschnitt sogar über der Empfehlung. Es
besteht daher kein Bedarf an proteinangereicherten Produkten oder
Nahrungsergänzungsmitteln“, betont Cem Ekmekcioglu.
Mehr bringt nicht mehr: Mit steigender Zufuhr nimmt bei
gleichzeitigem Krafttraining die Muskelmasse zu, erreicht jedoch bei
etwa 1,6 g/kg KG ein Plateau. Höhere Mengen wie die in den sozialen
Medien propagierten 2-3 g/kg KG bringen wahrscheinlich keinen
Zusatznutzen. Eine eiweißreiche Ernährung kann aber die
Gewichtsabnahme unterstützen, da der Körper für die Verdauung und
Verstoffwechselung von Proteinen mehr Energie benötigt als für
Kohlenhydrate oder Fette. Zudem fördern Aminosäuren im oberen
Dünndarm die Ausschüttung diverser Sättigungshormone. Nachteilige
Effekte einer gesteigerten Aufnahme sind bei Gesunden nur indirekt
über einen etwaig hohen Verzehr von rotem Fleisch und Wurst zu
beobachten. Vorsicht ist bei Menschen mit Nierenerkrankungen gegeben.
Relevant: Qualität, Timing und Bewegung
Neben der Gesamtmenge beeinflussen Proteinqualität und Timing der
Aufnahme die effiziente Umwandlung von Nahrungs- in körpereigenes
Protein. Hohe Werte weisen Vollei, Molkenprotein und Milch,
Rindfleisch sowie Soja auf. Besonders günstig sind Kombination wie Ei
und Kartoffeln, Milch und Mehl oder – rein pflanzlich – Hülsenfrüchte
und Getreide. Entscheidend ist auch das Timing: Die
Muskelproteinsynthese wird bereits mit 20 bis 30 g Protein pro
Mahlzeit optimal stimuliert wird. Eine gleichmäßige Verteilung auf
drei Mahlzeiten ist daher effizienter als eine einmalige hohe
Eiweißzufuhr. Hinzu kommt Bewegung: „Bereits moderate Kraftübungen in
Verbindung mit einem zügigen Spaziergang oder leichtem Radfahren
führen dazu, dass das aufgenommene Protein effizienter in
Muskelprotein eingebaut wird als bei völliger Ruhe“, so Cem
Ekmekcioglu.
Hunger nach Protein verlangt Umdenken und Innovation
Longevity, gesundes Altern und Selbstwirksamkeit prägen aktuell
das Essverhalten vieler und Protein wird dadurch zum Symbol eines
aktiven und gesundheitsorientierten Lebensstils, so Hanni Rützler:
„Gemeinsam mit Entwicklungen wie GLP-1-Medikamenten zur
Gewichtsreduktion, dem wachsenden Wunsch nach individueller
Gesundheitsoptimierung sowie dem veränderten Gesundheitsverständnis
seit der Corona-Pandemie kann der Proteintrend einen Wandel des
Ernährungsverhaltens markieren.“ Dazu zählt auch, dass der
Proteintrend statt dem Verzichtscredo früherer Ernährungskonzepte zu
„mehr“ als Teil einer ausgewogenen Ernährung animiert. Doch damit
steigt auch der Verzehr tierischer Proteine wie Cottage Cheese,
Naturjoghurt, Fleisch oder Eier wieder an. Das öffnet eine Lücke
zwischen Konsumverhalten und langfristigen Zielen für ein
nachhaltiges Ernährungssystem. „Aus ernährungs- und
umweltwissenschaftlicher Sicht besteht aber ein Konsens, dass eine
stärkere Orientierung zu pflanzlichen Proteinquellen nötig ist. Um
Gesundheit und Nachhaltigkeit besser zu verbinden, braucht es
innovative Lösungen entlang der Wertschöpfungskette. So entsteht etwa
eine neue Generation pflanzlicher Lebensmittel, die sich nicht mehr
ausschließlich als Fleischersatz versteht, sondern als eigenständige
Produktkategorie“, betont Hanni Rützler.
In der Landwirtschaft verändern Klimawandel, längere
Trockenperioden und häufigere Wetterextreme die
Produktionsbedingungen für Pflanzen. Europa hat zudem eine hohe
Importabhängigkeit bei Eiweißfuttermitteln. Versorgungssicherheit und
nachhaltige Proteinproduktion werden daher künftig noch stärker
miteinander verknüpft sein. „Die Landwirtschaft und auch
Proteinpflanzen stehen vor massiven Herausforderungen – speziell dem
Klimawandel. Die letzten heißen Sommer als auch das trockene Frühjahr
haben das spürbar gezeigt. Zum einen züchten wir hin zu
Klimaresilienz beispielsweise bei der Sojabohne, um Ertragsstabilität
zu gewährleisten, und zum anderen können auch andere Proteinpflanzen
wie die Ackerbohne eine stärkere Rolle spielen. In Europa haben wir
jedenfalls eine Eiweißlücke, speziell was Futtermittel betrifft. Da
braucht es neben guten Pflanzensorten viele neue Ansätze, egal ob in
der landwirtschaftlichen Produktion oder der Verarbeitungsindustrie,
um die Proteinversorgung für Mensch und Tier zu gewährleisten. Das
geht von Fermentation über neue Vermahlungstechnologien, alternativen
Proteinquellen bis hin zur optimierten Nutzung von Nebenströmen“, so
Georg Sladek. Entscheidend wird sein, sie verständlich zu
kommunizieren und Akzeptanz aufzubauen.
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